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Schlagwort: Prävention

Was macht die Musik in der Musiktherapie eigentlich?

Musik ist in der Therapie ein Beziehungs- und Kommunikationsmittel. Sie ergänzt oder ersetzt die verbale Sprache. Sie kann prä-, post- nonverbal, gleichzeitig und improvisierend eingesetzt werden (Oplatka, 2024).

Die Musik ist in der Musiktherapie somit ein zentrales Mittel, um mit unseren Klient:innen an persönlichen Themen zu arbeiten. Sie kann beispielsweise als Transportmittel das Erleben von innen nach aussen bringen, kann Halt geben, verborgene oder brach liegende Ressourcen aktivieren und die Sinne stimulieren. Zudem kann sie den Therapieprozess beschleunigen oder lenken und ein Bindeglied sein, das beziehungsstiftend und beziehungsgestaltend wirkt.

Weitere Fragen zur Musik in der Musiktherapie werden hier beantwortet.

Glücklicher und gesünder durch therapeutisches Singen – eine biochemische Wahrheit

Beim gemeinsamen Singen stellen sich messbare physiologische Veränderungen ein. Das tiefe Ein- und Ausatmen aktiviert unser Entspannungssystem. Der Blutdruck sinkt, die Sauerstoffsättigung im Blut nimmt messbar zu, der Hautwiderstand nimmt ab und es werden die im Volksmund bekannten Glücks- und Bindungshormone ausgeschüttet. Oxytozin zum Beispiel wirkt  stresslindernd und steigert das Wohlbefinden. Und die ebenfalls ausgeschütteten Endorphine haben unter anderem eine schmerzlindernde Wirkung. Die klinische Musiktherapie nutzt das „leistungsbefreite“ therapeutische Singen und die beschriebenen Effekte zielgerichtet, um Menschen im Wiedererlangen und/oder Stabilisieren ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu unterstützen.

Wenn Sie mehr erfahren wollen, empfehlen wir folgende Sendung auf SRF:

https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/singen-macht-gluecklich-und-gesund

R. Roth-Sutter

Wozu denn Musiktherapie bei Spiel- oder Gamingsucht?!?

Beim Gamen in der virtuellen Welt bekommen laut dem Verhaltenssuchtspezialisten Renanto Poespodihardjo die Spielenden nicht mit, was im Bereich der nonverbalen Kommunikation liegt. Diese wird demnach nicht trainiert und hat vor allem für früh gestartete Gamer:Innen Folgen. Bei den daraus resultierenden sozialen Interaktionsstörungen kann Musiktherapie entscheidend weiterhelfen.

Die klinische Musiktherapeutin Anne Schnell blickt bei den Kunsttherapietagen in Bern auf die ersten vier Jahre Verhaltenssuchtstation der UPK Basel zurück: Ein Grossteil der Süchtigen leide neben den Folgen ihrer Verhaltenssucht (Gamen, Glückspiel, Einkaufen, Internet, exzessiver Sex, Handy) auch an depressiven Symptomen, konsumiert oft auch Substanzen und ist schnell überfordert in sozialen Kontakten oder in Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen. Die Musiktherapie bietet den Betroffenen dabei folgende Chancen:

  • Es gibt keine falschen Töne und es sind in der Musik keine Fehler möglich, was gut ist gegen den niedrigen Selbstwert der meisten süchtigen Patient:Innen.
  • Musik ist ein flüchtiges Medium und somit potenziell wenig einschüchternd. 
  • Das Instrument kann als „lieber Freund“ dienen bis der Umgang mit „lebendigen Freunden“ besser funktioniert. 
  • Die Betroffenen dürfen spielen, spielen, spielen und damit ihren Impulsen auf gesunde Weise ein Stück weit nachgehen, wenn sie in die freie Improvisation einsteigen.
  • Es gibt keine Vorurteile und keine Beurteilung, was den oft massiv angeschlagenen Selbstbildern guttut.

Anne Schnell weist auf das Phänomen der Rauschmusik hin, das im Gegensatz zum Flow-Erleben kontaktlos stattfindet und so am Ziel der Musiktherapie vorbeigeht.

Hinweise auf Rauschmusik sind, wenn die Musik

  • immer schneller und lauter wird.
  • kein Ende findet.
  • Trance evoziert.
  • die Traum- oder Parallelwelten unterstütz wird, die z.B. Gamesüchtige der terrestrischen Welt vorziehen.
  • in der Symbiose hält, was das gesunde und erwünschte Selbsterleben als Individuum verhindert.

Zu Gunsten der Begegnung mit dem Menschen hinter der Sucht ist in der Musiktherapie die Rauschmusik untersagt. Das sich in die freie Improvisation „Fallenlassen“ darf jedoch sein und geübt werden. Und gleichzeitig kann fast nebenbei die Übernahme von Verantwortung trainiert werden. 

Musiktherapie bei Gaming- oder Spielsucht gibt Betroffenen die Chance zu erleben, dass SIE die MUSIK SPIELEN und nicht umgekehrt. 

Rahel Roth-Sutter

Künstlerische Therapien im Rampenlicht der WHO

Musik als Gesundheitsverordnung?

Die Künste im Rampenlicht der WHO

Wer die Welt in dieser Zeit der Pandemie betrachtet, bemerkt schnell, dass die Menschen sich mit voller Wucht in die Kraft der Kreativität stürzen: Musik, Kunst, Tanz, Film, Literatur, Garten – Hauptsache es tut gut. Dass sich die Künste positiv auf die Gesundheit und Prävention auswirken, ist uns allen ein gängiges Konzept, doch nicht passender zu dieser aussergewöhnlichen Zeit hat die World Health Organization (WHO) just Ende letztes Jahr eine besonders wertvolle Übersichtsarbeit veröffentlicht. 

Die Künste wurden von der WHO in ihren breit-wissenschaftlich fundierten Ansätzen recherchiert, zusammengestellt und der Bericht für die Öffentlichkeit zugängig gemacht. Das Kernstück des Berichtes ist die Bibliographie mit 972 Publikationen, welche den Bericht untermalen und die Evidenz unterstützen. Darunter befinden sich 200Übersichtsarbeiten, welche 3000 weitere Studien umfassen. Die WHO bezeichnet dieses Werk als umfangreichste Evidenzuntersuchung im Bereich der Künste und Gesundheit.

Im Bericht werden verschiedenen Kunstformen beleuchtet, dazu gehören:

  1. Darstellende Künste (Musik, aber auch Tanz, Singen, Theater und Film)
  2. Visuelle Künste (Basteln/Handwerken, Design, Malen, Fotografie)
  3. Literatur
  4. Kultur (Besuch von Museen, Galerien, Konzerten, Theatervorführungen)
  5. Online-Künste (Animationen, digitale Künste).

Was aus musiktherapeutischer Perspektive sehr erfreut, ist die dominante Präsenz der Musik im Bericht; nicht nur wird die Musik am häufigsten genannt (zwanzig mal mehr als die anderen Kunstformen), sondern wird auch explizit als fundiert erforscht definiert. Ein gutes Fünftel der Quellen stammt aus musiktherapeutischen Federn, wobei im Bericht nicht genau differenziert wird, bei welchem Einsatz von Musik es sich tatsächlich um einen musiktherapeutischen Kontext handelt. Beim Durchstöbern der Bibliographie fällt auf, dass die Musiktherapieforschung noch mehr zum Bericht beisteuern könnte, denn viele Werke haben es nicht in die Auswahl im Bericht geschafft. Nichtsdestotrotz ist die Reichweite dieser fundierten Arbeit ein Schritt in Richtung Zukunft der Gesundheitspolitik. Die Schlussfolgerungen des Berichtes unterstreichen die Wichtigkeit von erhöhter Unterstützung seitens der Entscheidungsträger im Bereich der internationalen Kooperation, Wissensaustausch und Forschung: «support the development of long-term policies or strategies that will provide more synergized collaboration between health and arts sectors that could realize the potential of the arts for improving global health». 

Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung des Berichtes:

«Welche Erkenntnisse gibt es über die Rolle der Künste bei der Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden? Eine Bestandsaufnahme» (WHO, 2019).

In den vergangenen beiden Jahrzehnten wurde zusätzlich zu den Entwicklungen in Politik und Praxis in verschiedenen Ländern der Europäischen Region der WHO und darüber hinaus in deutlich erhöhtem Maße auch die Wirkung von Kunst auf Gesundheit und Wohlbefinden untersucht. In dem Bericht werden die weltweit vorhandenen Erkenntnisse über die Rolle der Künste bei der Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden zusammengefasst dargestellt, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Europäische Region der WHO gelegt wird. Die Ergebnisse aus über 3000 Studien verdeutlichen eine wesentliche Rolle der Künste bei der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung sowie beim Management und der Behandlung von Erkrankungen im gesamten Lebensverlauf. Zu der untersuchten Evidenz gehörten Versuchsanordnungen wie unkontrollierte Pilotstudien, Fallstudien, Querschnittsuntersuchungen im Kleinmaßstab, national repräsentative Längsschnitt-Kohortenstudien, gruppenspezifische Ethnographien und randomisierte kontrollierte Studien aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Die positive Wirkung der Künste könnte durch eine Anerkennung und gebührende Berücksichtigung der wachsenden Erkenntnisgrundlage, die Förderung einer Beschäftigung mit Kunst auf individueller, kommunaler und nationaler Ebene und die Unterstützung einerbereichsübergreifenden Kooperation noch weiter verstärkt werden (WHO, 2019).

Diandra Russo